Erst gerade vor knapp zweieinhalb Wochen zurück gekehrt, wurde am 07. April bereits die zweite Sammelaktion auf dem Stadtplatz gestartet. Daniel Buchs, der schon Anfang März mit einer Lieferung in die Ukraine gefahren ist, sammelt wiederum gezielt Hilfsgüter. Es kam an einem Abend trotz Regenwetter mehrere Hundert Kilogramm an Sachspenden zusammen. Gleichzeitig wurden rund 150 Hygienepacks mit Zahnbürsten, Zahnpasta, Seife, Waschlappen, Taschentücher etc. verpackt. Bereits am Tag darauf, fuhr Buchs wieder los Richtung Ukraine.
Wegen der höher geplanten Reichweite bis nach Kyiv wurde diesmal der Elektro-PWK bis unter das Dach beladen. Sogar im Fach wo normal Reserverad und Werkzeug verstaut sind, fanden 25kg Teigwaren und 20Kg Reis Platz.
Von Kloten fuhr der Klotener am Samstag zuerst wieder ins Flüchtlingslager in Korczowa an der polnisch-ukrainischen Grenze, wo er bereits im vergangenen März eine Woche als Volontär im Einsatz stand und am Sonntag nach rund 1100 Kilometer Fahrt wieder eintraf.
In den drei Wochen seit seiner letzten Abreise vom Flüchtlingscamp hat sich hier in Sachen Organisation einiges verbessert. Es gab nun zwar von Hand gezeichnete grosse Karten mit den wichtigsten Städten und Zug-Verbindungen in Polen und den umliegenden europäischen Ländern. Ebenso auch vorbereitete Registrationsformulare in mehreren Sprachen. Dies wurde vor drei Wochen mühsam, während dem Gespräch mit den Flüchtenden, mit einem Translator des Smartphones übersetzt. Neu gab es auch eine Webseite und eine Registration für «private Fahrer», welche Flüchtende mitnehmen oder ihnen gar Unterkünfte vermitteln konnten. Dies erleichtert die Arbeit für die Volontäre sehr.
So beschloss ich, bereits am nächsten Morgen mit den Hilfsgütern über die Grenze nach L’viv zu weiter zu reisen, wiederum mit einem Zwischenhalt beim Emobilitäts-Kollegen des Tesla-Club Ukraine, welcher Buchs bei der Planung der Weiterreise hinsichtlich Ladestationen und Apps unterstützte. Die Strassen vor L’viv waren sehr überfüllt und an jeder Kreuzung gab es eine Kontrollstelle, welche sämtliche Fahrzeuge überprüfte.
Am späten Montagnachmittag fuhr der Klotener weiter in die 400 Kilometer entfernte Stadt Zhytomyr, wo er wegen der Ausgangssperre bis um 6 Uhr früh in einem Hotel übernachtete.
Die Nacht ist allerdings unruhig gewesen. «Es war ein riesiger Lärm auf der Strasse. Die Armee zog mit Lastwagen und Panzern Richtung Osten.» nach einem ausgiebigen Frühstück, und einem stundenlangen Upload von Bilder für die Presse ob des langsamen Hotel-Wlan, ging die Reise am Mittag weiter Richtung Kyiv.
Rund 60 Kilometer vor der Hauptstadt wurden die ersten Schäden des Krieges sichtbar, wie Buchs in seiner Whatsapp-Gruppe laufend berichtete. Die Hauptstrasse nach Kyiv war vollständig mit Autos verstopft und Buchs harrte 2 Stunden im Stau für 3km Wegstrecke.
Ausweichend fuhr er von der Schnellstrasse in Kalyniwka weiter ins südliche Dorf Byschiw. Der westliche Ortsteil der rund 2500 Einwohner zählenden Gemeinde wurde während der russischen Belagerung ebenfalls massiv zerstört.
Kaum 15 Kilometer weiter offenbart sich die russische Belagerung in einem noch weit heftigeren Ausmass: Die Tankstelle neben der Kirche mitten im Dorf ist von drei Artilleriepetarden vernichtet worden. Zu sehen sind Verwüstungen, aber auch viele Tote.
Gleiches zeigt sich auch im benachbarten Dorf Spyt’ky. Durch die Explosion der Tankstelle wurden auch die Häuser in der Nähe massiv beschädigt oder gar komplett zerstört. Ich mutmasse, dass die Russen wohl den Treibstoffnachschub der Ukrainer vernichten wollten.
Bei der Ortschaft Myla, die sich an der Schnellstrasse nach Kiew befindet, wurden innert einem Kilometer etwa sieben Tankstellen platt gemacht und dabei auch Wohnblöcke und ein Einkaufscenter stark beschädigt. Unweit davon, rund 10 Minuten Richtung Butscha und Irpin, sind bereits die ersten zerstörten russischen Panzer in dieser waldreichen Region zu sehen, welche Kyiv noch vor vier Tagen von Weissrussland herkommend angriffen. Diese Sujets locken inzwischen auch ukrainische Fototouristen an.
Zurück auf der Schnellstrasse nach Kyiv zeigte sich, dass sich die Hauptstadt im Ausnahmezustand befindet. Für Buchs heisst das: Wegen der massiven Zerstörungen der Infrastruktur, aber auch wegen der regelmässigen Strassenblockaden und der vielen Checkpoints ist mit dem Auto viel Geduld gefragt. Auf dem Weg zur nächsten Schnellladestation vor der Hauptstadt benötigte der Klotener für 7 Kilometer mehr als zweieinhalb Stunden. Die Suche einer funktionierenden Ladestation zeigte sich doch herausfordernd. Gegen 21 Uhr war endlich der Stadtrand erreicht, wo wegen der Ausgangssperre wieder ein Hotel spontan gesucht werden musste.
Am nächsten Tag war eigentlich der Plan das Militärspital in Kyiv zu besuchen und dort die medizinischen Hilfsgüter aus der Schweiz abzugeben. Doch das Elektroauto scheinte kein Bock zu haben und musste in die nahe gelegene Garage abgeschleppt werden. Yuri, ein Kollege einer Bekannten aus der Schweiz, eilte zur Hilfe. Wir konnten so mit seinem Auto die medizinischen Hilfsgüter gegen Abend doch noch ins «Main Military Clinical Hospital» bringen. Wenigstens konnte dadurch einen Teil der Hilfsgüter erfolgreich ausgeliefert werden, sehr zur Freude der Koordinatorin vor Ort, die sich herzlich bedankte.
Die nächste Nacht verbringe ich in einem anderen, sehr alten Hotel, im westlichen Teil von Kiew. Die Aussicht vom angeblichen 3-Sterne-Hotel sieht nicht berauschend aus und die Rezeption ist auch nicht auf Arbeit eingestellt. Dazu kommt, dass sich bei mir eine starke Erkältung immer mehr bemerkbar macht, weshalb ich die Zeit ohne Auto am Donnerstag zum Ausschlafen nutze. Am nächsten Tag holt mich Igor ab, der mich gestern von der Raststätte zur Garage abschleppt hatte. Er besorgte mir in einer Apotheke Medikamente.
Nun geht es zum Hauptbahnhof, wo ich mich nach der Situation der Flüchtlinge aus dem Osten erkundige. Hier ist erstaunlich wenig los, obschon auch Züge aus Charkiw oder Cherson eintreffen.
Den Rest des Tages verbringe ich wieder im Zentrum, diesmal zu Fuss, weil ich auf eine Rückmeldung warte, denn ich benötigte von den Behörden eine Spezialbewilligung, um mittels Polizeieskorte die restlichen Hilfsgüter im Kiewer Vorort Borodjanka abgeben zu können. Um Plünderungen weitgehend zu vermeiden, ist der Zutritt zu den Ortschaften normalerweise nur Einwohnern erlaubt. Am frühen Nachmittag erhalte ich dann telefonisch durch meinen Kontaktmann das O.K. für die Fahrt nach Borodjanka. Ich soll am nächsten Morgen um 7 Uhr an einem vereinbarten Treffpunkt warten.
Am anderen Morgen trafen wir uns zur vereinbarten Zeit und fuhren zur nahegelegenen Polizeistelle im Süden, wo wir erwartet wurden. Nach einer Lagebesprechung ging es dann um 8.50 Uhr endlich los Richtung Borodjanka, welches etwa 65 Kilometer nördlich entfernt ist.
Im Konvoi fahrend und blinkend beziehungsweise mit Blaulicht und massiv überhöhter Geschwindigkeit rasten wir durch die Dörfer und konnten dabei die kilometerlangen Autokolonnen überholen. Das Ziel Borodjanka erreichen wir dank der Eskorte bereits nach anderthalb Stunden, wo wir vom Stadtsekretär Anatolji empfangen wurden. Bei der örtlichen Ambulanz konnten die Hilfsgüter zwischengelagert werden.
Obschon sich die letzten Truppen des Agressors vor wenigen Tagen zurückgezogen haben, ist die Feuerwehr noch immer damit beschäftigt, unter den Trümmern der völlig zerstörten Wohnhäuser Überlebende zu suchen oder Tote zu bergen. Von den einst 29 000 Einwohnern, die vor dem Krieg hier lebten, sind noch ungefähr 14 000 hier.
Man rechnet mit mehr als 1600 Toten in der Region und die Bergung der Leichen aus den Trümmern soll noch Wochen dauern, da grössere Baumaschinen fehlen. Strom und Wasser gibt es zurzeit nicht. Es wird mit Generatoren temporär Strom für die wichtigsten Gebäude und für Hilfskräfte produziert. Ich schreibe der Whatsapp-Gruppe, dass ich nicht alle Bilder senden kann. Zu schrecklich ist das Ausmass der Zerstörung, zu schrecklich der Anblick der Opfer. Nach der Rundfahrt durch die zerstörte Ortschaft fuhren wir über die einzige einigermassen noch vorhandene Brücke zurück nach Kyiv.
Nach all den Erlebnissen und Herausforderungen verschiedenster Art in den vergangenen Tage, aber auch aufgrund der noch starken Erkältung bleibe ich über Nacht noch in Kiew, um auch etwas Schlaf nachzuholen.
Am nächsten Tag besichtigte ich mit meinem Freund Igor ein Wohnviertel im Stadtzentrum. Auch hier haben Artilleriegeschosse eingeschlagen und bis zu 5 Meter breite und tiefe Krater hinterlassen. Die umliegenden Gebäude, dazu zählt auch der Kindergarten und die Schule, wurden durch die Detonationswellen fast vollständig zerstört.
Nach einem gemütlichen Tag mache ich mir Gedanken, wie und wo ich die kommenden Tage verbringen will. Klar ist, ich muss nach Zhytomyr zurück. Dort hatte ich die ID-Karte vergessen. Ich bleibe am Abend gleich wieder dort, denn es ist bereits 20.30 Uhr.
Der Ostermontag beginnt um 9 Uhr mit einer schlechten Nachricht. Ausgerechnet in Lwiw, wohin ich heute zurückfahren wollte, ist es in dieser Nacht zu einem erneuten Luftangriff gekommen. Mindestens 11 Menschen seien gestorben, wird gesagt. Auf der Rückfahrt nach L’viv sehe ich viele zerstörte Wohngebäude.
Endlich zurück an der polnischen Grenze, wird auch das Ausmass des Flüchtlingsstromes Richtung Europa sichtbar. Wie hier am südlichen Grenzübergang von Przemysl. Bis jetzt, knapp zwei Monate nach Kriegsbeginn, haben sich rund 1.8 Millionen Menschen aus der Ukraine in Polen in Sicherheit gebracht.
2. Reise – Weg nach Kyiv
Erst gerade vor knapp zweieinhalb Wochen zurück gekehrt, wurde am 07. April bereits die zweite Sammelaktion auf dem Stadtplatz gestartet. Daniel Buchs, der schon Anfang März mit einer Lieferung in die Ukraine gefahren ist, sammelt wiederum gezielt Hilfsgüter. Es kam an einem Abend trotz Regenwetter mehrere Hundert Kilogramm an Sachspenden zusammen. Gleichzeitig wurden rund 150 Hygienepacks mit Zahnbürsten, Zahnpasta, Seife, Waschlappen, Taschentücher etc. verpackt. Bereits am Tag darauf, fuhr Buchs wieder los Richtung Ukraine.
Wegen der höher geplanten Reichweite bis nach Kyiv wurde diesmal der Elektro-PWK bis unter das Dach beladen. Sogar im Fach wo normal Reserverad und Werkzeug verstaut sind, fanden 25kg Teigwaren und 20Kg Reis Platz.
Von Kloten fuhr der Klotener am Samstag zuerst wieder ins Flüchtlingslager in Korczowa an der polnisch-ukrainischen Grenze, wo er bereits im vergangenen März eine Woche als Volontär im Einsatz stand und am Sonntag nach rund 1100 Kilometer Fahrt wieder eintraf.
In den drei Wochen seit seiner letzten Abreise vom Flüchtlingscamp hat sich hier in Sachen Organisation einiges verbessert. Es gab nun zwar von Hand gezeichnete grosse Karten mit den wichtigsten Städten und Zug-Verbindungen in Polen und den umliegenden europäischen Ländern. Ebenso auch vorbereitete Registrationsformulare in mehreren Sprachen. Dies wurde vor drei Wochen mühsam, während dem Gespräch mit den Flüchtenden, mit einem Translator des Smartphones übersetzt. Neu gab es auch eine Webseite und eine Registration für «private Fahrer», welche Flüchtende mitnehmen oder ihnen gar Unterkünfte vermitteln konnten. Dies erleichtert die Arbeit für die Volontäre sehr.
So beschloss ich, bereits am nächsten Morgen mit den Hilfsgütern über die Grenze nach L’viv zu weiter zu reisen, wiederum mit einem Zwischenhalt beim Emobilitäts-Kollegen des Tesla-Club Ukraine, welcher Buchs bei der Planung der Weiterreise hinsichtlich Ladestationen und Apps unterstützte. Die Strassen vor L’viv waren sehr überfüllt und an jeder Kreuzung gab es eine Kontrollstelle, welche sämtliche Fahrzeuge überprüfte.
Am späten Montagnachmittag fuhr der Klotener weiter in die 400 Kilometer entfernte Stadt Zhytomyr, wo er wegen der Ausgangssperre bis um 6 Uhr früh in einem Hotel übernachtete.
Die Nacht ist allerdings unruhig gewesen. «Es war ein riesiger Lärm auf der Strasse. Die Armee zog mit Lastwagen und Panzern Richtung Osten.» nach einem ausgiebigen Frühstück, und einem stundenlangen Upload von Bilder für die Presse ob des langsamen Hotel-Wlan, ging die Reise am Mittag weiter Richtung Kyiv.
Rund 60 Kilometer vor der Hauptstadt wurden die ersten Schäden des Krieges sichtbar, wie Buchs in seiner Whatsapp-Gruppe laufend berichtete. Die Hauptstrasse nach Kyiv war vollständig mit Autos verstopft und Buchs harrte 2 Stunden im Stau für 3km Wegstrecke.
Ausweichend fuhr er von der Schnellstrasse in Kalyniwka weiter ins südliche Dorf Byschiw. Der westliche Ortsteil der rund 2500 Einwohner zählenden Gemeinde wurde während der russischen Belagerung ebenfalls massiv zerstört.
Kaum 15 Kilometer weiter offenbart sich die russische Belagerung in einem noch weit heftigeren Ausmass: Die Tankstelle neben der Kirche mitten im Dorf ist von drei Artilleriepetarden vernichtet worden. Zu sehen sind Verwüstungen, aber auch viele Tote.
Gleiches zeigt sich auch im benachbarten Dorf Spyt’ky. Durch die Explosion der Tankstelle wurden auch die Häuser in der Nähe massiv beschädigt oder gar komplett zerstört. Ich mutmasse, dass die Russen wohl den Treibstoffnachschub der Ukrainer vernichten wollten.
Bei der Ortschaft Myla, die sich an der Schnellstrasse nach Kiew befindet, wurden innert einem Kilometer etwa sieben Tankstellen platt gemacht und dabei auch Wohnblöcke und ein Einkaufscenter stark beschädigt. Unweit davon, rund 10 Minuten Richtung Butscha und Irpin, sind bereits die ersten zerstörten russischen Panzer in dieser waldreichen Region zu sehen, welche Kyiv noch vor vier Tagen von Weissrussland herkommend angriffen. Diese Sujets locken inzwischen auch ukrainische Fototouristen an.
Zurück auf der Schnellstrasse nach Kyiv zeigte sich, dass sich die Hauptstadt im
Ausnahmezustand befindet. Für Buchs heisst das: Wegen der massiven Zerstörungen
der Infrastruktur, aber auch wegen der regelmässigen Strassenblockaden und der vielen Checkpoints ist mit dem Auto viel Geduld gefragt. Auf dem Weg zur nächsten Schnellladestation vor der Hauptstadt benötigte der Klotener für 7 Kilometer
mehr als zweieinhalb Stunden. Die Suche einer funktionierenden Ladestation zeigte sich doch herausfordernd. Gegen 21 Uhr war endlich der Stadtrand erreicht, wo wegen der Ausgangssperre wieder ein Hotel spontan gesucht werden musste.
Am nächsten Tag war eigentlich der Plan das Militärspital in Kyiv zu besuchen und dort die medizinischen Hilfsgüter aus der Schweiz abzugeben. Doch das Elektroauto scheinte kein Bock zu haben und musste in die nahe gelegene Garage abgeschleppt werden. Yuri, ein Kollege einer Bekannten aus der Schweiz, eilte zur Hilfe. Wir konnten so mit seinem Auto die medizinischen Hilfsgüter gegen Abend doch noch ins «Main Military Clinical Hospital» bringen. Wenigstens konnte dadurch einen Teil der
Hilfsgüter erfolgreich ausgeliefert werden, sehr zur Freude der Koordinatorin vor Ort, die sich herzlich bedankte.
Die nächste Nacht verbringe ich in einem anderen, sehr alten Hotel, im westlichen Teil von Kiew. Die Aussicht vom angeblichen 3-Sterne-Hotel sieht nicht berauschend aus und die Rezeption ist auch nicht auf Arbeit eingestellt. Dazu kommt, dass sich bei mir eine starke Erkältung immer mehr bemerkbar macht, weshalb ich die Zeit ohne Auto am Donnerstag zum Ausschlafen nutze. Am nächsten Tag holt mich Igor ab, der mich gestern von der Raststätte zur Garage abschleppt hatte. Er besorgte mir in einer Apotheke Medikamente.
Nun geht es zum Hauptbahnhof, wo ich mich nach der Situation der Flüchtlinge aus dem Osten erkundige. Hier ist erstaunlich wenig los, obschon auch Züge aus Charkiw oder Cherson eintreffen.
Den Rest des Tages verbringe ich wieder im Zentrum, diesmal zu Fuss, weil ich auf eine Rückmeldung warte, denn ich benötigte von den Behörden eine Spezialbewilligung,
um mittels Polizeieskorte die restlichen Hilfsgüter im Kiewer Vorort Borodjanka abgeben zu können. Um Plünderungen weitgehend zu vermeiden, ist der Zutritt zu den Ortschaften normalerweise nur Einwohnern erlaubt. Am frühen Nachmittag erhalte ich dann telefonisch durch meinen Kontaktmann das O.K. für die Fahrt nach Borodjanka. Ich soll am nächsten Morgen um 7 Uhr an einem vereinbarten Treffpunkt warten.
Am anderen Morgen trafen wir uns zur vereinbarten Zeit und fuhren zur nahegelegenen Polizeistelle im Süden, wo wir erwartet wurden. Nach einer Lagebesprechung ging es dann um 8.50 Uhr endlich los Richtung Borodjanka, welches etwa 65 Kilometer nördlich entfernt ist.
Im Konvoi fahrend und blinkend beziehungsweise mit Blaulicht und massiv überhöhter Geschwindigkeit rasten wir durch die Dörfer und konnten dabei die kilometerlangen Autokolonnen überholen. Das Ziel Borodjanka erreichen wir dank der Eskorte bereits nach anderthalb Stunden, wo wir vom Stadtsekretär Anatolji empfangen wurden. Bei der örtlichen Ambulanz konnten die Hilfsgüter zwischengelagert werden.
Obschon sich die letzten Truppen des Agressors vor wenigen Tagen zurückgezogen haben, ist die Feuerwehr noch immer damit beschäftigt, unter den Trümmern der völlig zerstörten Wohnhäuser Überlebende zu suchen oder Tote zu bergen. Von den einst 29 000 Einwohnern, die vor dem Krieg hier lebten, sind noch ungefähr 14 000 hier.
Man rechnet mit mehr als 1600 Toten in der Region und die Bergung der Leichen aus den Trümmern soll noch Wochen dauern, da grössere Baumaschinen fehlen. Strom und Wasser gibt es zurzeit nicht. Es wird mit Generatoren temporär Strom für die wichtigsten Gebäude und für Hilfskräfte produziert. Ich schreibe der Whatsapp-Gruppe, dass ich nicht alle Bilder senden kann. Zu schrecklich ist das Ausmass der Zerstörung, zu schrecklich der Anblick der Opfer. Nach der Rundfahrt durch die zerstörte Ortschaft fuhren wir über die einzige einigermassen noch vorhandene Brücke zurück nach Kyiv.
Nach all den Erlebnissen und Herausforderungen verschiedenster Art in den vergangenen Tage, aber auch aufgrund der noch starken Erkältung bleibe ich über Nacht noch in Kiew, um auch etwas Schlaf nachzuholen.
Am nächsten Tag besichtigte ich mit meinem Freund Igor ein Wohnviertel im Stadtzentrum. Auch hier haben Artilleriegeschosse eingeschlagen und bis zu 5 Meter breite und tiefe Krater hinterlassen. Die umliegenden Gebäude, dazu zählt auch der Kindergarten und die Schule, wurden durch die Detonationswellen fast vollständig zerstört.
Nach einem gemütlichen Tag mache ich mir Gedanken, wie und wo ich die kommenden Tage verbringen will. Klar ist, ich muss nach Zhytomyr zurück. Dort hatte ich die ID-Karte vergessen. Ich bleibe am Abend gleich wieder dort, denn es ist bereits 20.30 Uhr.
Der Ostermontag beginnt um 9 Uhr mit einer schlechten Nachricht. Ausgerechnet in Lwiw, wohin ich heute zurückfahren wollte, ist es in dieser Nacht zu einem erneuten Luftangriff gekommen. Mindestens 11 Menschen seien gestorben, wird gesagt. Auf der Rückfahrt nach L’viv sehe ich viele zerstörte Wohngebäude.
Endlich zurück an der polnischen Grenze, wird auch das Ausmass des Flüchtlingsstromes Richtung Europa sichtbar. Wie hier am südlichen Grenzübergang von Przemysl. Bis jetzt, knapp zwei Monate nach Kriegsbeginn, haben sich rund 1.8 Millionen Menschen aus der Ukraine in Polen in Sicherheit gebracht.
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