500 Tage Krieg

8. Juli 2023 Dani Comments Off

Heute Samstag 08. Juli 2023 ist der 500. Tag seit der Invasion der russischen Truppen in die Ukraine am 24. Februar 2022. Ein Ende des Angriffskrieges ist leider noch in weiter Ferne.

Foto: IMAGO/Celestino Arce Lavin / IMAGO/ZUMA Wire

Dies zeigen auch die erneuten Anschläge in den vergangenen Tagen auf L’viv und Lyman, Städte welche seit Monaten nicht mehr unter Beschuss standen. Letzte Woche wurde am Dienstag auch die Stadt Kramatorsk im Oblast Donesk gezielt angegriffen, just zu dem Zeitpunkt, als ich mich nach der Übergabe der Sachspenden im Zentrum der Stadt im «Cofe One» einen Kaffee und ein Stück Torte gegönnt hatte. Nur knapp habe ich den Anschlag auf die 550 Meter entfernte Ria Bar / Lounge verpasst, welche sich an der selben Strasse befand wie das Cofe One.

Der schwerste Angriff seit Beginn der Invasion erlebte die westukrainische Stadt L’viv in der Nacht zum 6. Juli. Der Angriff galt einer riesigen Wohnüberbauung. Rund 30 Wohn- und Bürogebäude, 250 Wohnungen, 50 Fahrzeuge und auch ein Umspannwerk wurden dabei beschädigt. Mindestens zehn Personen kamen dabei ums Leben. Nach Angaben eines Sprechers der ukrainischen Luftwaffe Jurij Ihnat flogen die russischen Raketen zunächst in Richtung Kiew, bogen dann aber abrupt ab in den Westen nach Lwiw. Sieben von zehn Raketen wurden laut ukrainischen Armeeangaben abgeschossen. Die übrigen drei trafen mit tödlicher Wucht.

Die vorläufige traurige Bilanz des Krieges: bis zum 18. Juni 2023 hatte der Krieg auf der ukrainischen Seite über 9’000 registrierte zivile Tote gefordert; 530 davon waren Kinder. Ebenso wurden über 15’700 verletzte Zivilist:innen, davon 1’086 Kinder, durch das OHCHR erfasst.

Anlässlich des heutigen Tages hat Präsident Selensky überraschend mit einem Boot die südlich von Odessa gelegene und lange umkämpfte Schlangeninsel besucht. Er gedenkte allen ukrainischen Helden, welche für die Insel gekämpft und diese befreit haben. Für die Gefallenen legte der Präsident Kränze nieder. 

Die Insel gelangte vor allem ihre Berühmtheit, als die Besatzung der Insel von einem russ. Kriegsschiff aufgefordert wurde, sich zu ergeben. Daraufhin antworte der ukrainische Funker «Russisches Kriegsschiff, verpiss dich». Daraus entstand dann auch die unten abgebildete Briefmarke.

Für mich ist nach wie vor unklar, trotz den vielen Vorwürfen Prigoschin’s zulasten des russ. Verteidigungsministers, was wirklich der Plan der Rebellion Mitte Juni durch die Gruppe Wagner war. Nach wie vor werde ich den Verdacht nicht los, dass dies alles durch Putin orchestriert wurde, um die Wagner Gruppe inklusive Anführer Prigoschin nach Belarus ins Exil zusenden. 

Was nützen die dort jedoch? Viel! Denn Kiev ist nur knapp 140 KM von der ukrainisch-belarusischen Grenze entfernt. Und wie schnell die Wagner Gruppe auf dem Weg nach Moskau innert zwei Tagen unterwegs war, lässt erahnen, was bei einem zweiten Angriffsversuch aus dem Norden passieren könnte. 

Zudem waren die Wagner-Söldner bislang eine der effektivsten Kampfeinheit der Russen. Und wie man von Prigoschin kennt, liebt er wohl Konflikte und man kann sich kaum vorstellen, dass er nun in Belarus die Füsse still hält. Von daher bleibe ich diesbezüglich sehr pessimistisch, insbesondere solange unklar ist, wo sich Prigoschin wie auch die Gruppe Wagner zurzeit aufhält. Es beruhigt mich etwas, dass Polen nun Tausende Militaristen und Ausrüstung an die Grenze zu Belarus entsendet hat.

Europa leidet mit

Denn seit Beginn des Krieges sind gemäss UNHCR rund 7.2 Millionen Menschen aus der Ukraine geflüchtet. Berücksichtigt sind nur registrierte Geflüchtete. Der grösste Anteil von 1.275 Mio ging nach Russland, etwas über 1.07 Mio nach Deutschland, knapp 1 Mio nach Polen, weitere 4 Mio nach Tschechien, UK, Spanien, Italien, Bulgarien, Rumänien, Moldawien, Slowakei aber auch rund 80’000 in die Schweiz. Berücksichtigt sind dabei auch die rund 450’000 welche bereits wieder in die Ukraine zurückgekehrt sind.

Mein persönliches Fazit

In meinen Reisen in die Ukraine habe ich in den 16 Monaten viel Elend angetroffen; vielen verzweifelten Menschen in die Augen gesehen aber auch für einen Moment strahlende Augen gesehen, als wir notwendige Sachspenden übergeben konnten. Die meisten Menschen zeigten auch ehrliche und tiefe Dankbarkeit. Insbesondere die Reise im November 2022 in das wenige Tage zuvor halbbefreite Kherson oder auch die zwei Reisen nach Kramatorsk im April und Juni 2023 werden mir dabei immer in tiefster Erinnerung bleiben.

Oft werde ich gefragt, wie ich die negativen Erlebnisse verarbeite oder ob ich keine Angst hätte aufgrund der dauernden willkürlichen Anschläge. Ich erinnere mich, als ich einmal Angst hatte. Dies war, als ich zehn Tage an der polnisch-ukrainischen Grenze im Flüchtlingscamp als Volontär tätig war und erstmals über die Grenze nach L’viv gefahren bin. Ein Tag zuvor wurde ein Militärzentrum der NATO ausserhalb L’viv bombardiert, genau auf meiner Strecke. Ich wollte daher nicht am Abend beim Eindunkeln dorthin fahren, zumal ich weder die Strecke noch das Verhalten der Kontrollposten kannte. So übernachtete ich an der Grenze und fuhr am nächsten Morgen los. Die Fahrt war sehr beängstigend und ich beobachtete jede grössere Gruppe von Menschen in den Dörfern, lud schnell ab, damit ich auf dem schnellsten Weg wieder nach Polen zurück kam. Seit da habe ich sehr Respekt von der Situation aber eigentlich keine Angst. Obschon ich im April 2022 nahe meines Hotels im Zentrum von Kiev einen ersten Angriff mit einer Rakete knapp erlebte. Für die beiden Reisen nach Kramatorsk habe ich mich jeweils gut vorbereitet, rechtzeitig genügend Diesel nachgetankt und stets ausserhalb grösseren Ortschaften aufgehalten. Diesmal war ich jedoch in Kramatorsk später dran und war mir nicht bewusst, dass Bachmut längst hinter der Frontlinie ist und somit Kramatorsk nur noch knapp 20KM von der Frontlinie entfernt war. Dies erhöht das Risiko von Raketenangriffen.

Auch wenn ich mich ab und zu aufgrund der Strapazen, Ärger an den Grenzen oder der teilweise fehlenden Dankbarkeit oft frage «was mach ich eigentlich hier?», so bereue ich bis heute keinen Tag, dass ich im Februar 2022 dieses Projekt begonnen habe.

Jedoch: ohne all die Unterstützer:innen, insbesondere bei den Sammelaktionen und Verpacken der Sachspenden, könnte ich dieses Projekt nicht in dieser Form ausüben. Deshalb gilt mein tiefster Dank all denjenigen Menschen!