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15. Reise – Kharkiv und Izjum

27. April 2025 Dani Comments Off

Diese 15. Reise war anfänglich auf Mitte März geplant. Doch bei einem Routinecheck des Fahrzeuges, wie üblich jeweils knapp vor der Reise, wurde trotz grosser Reparatur im November / Dezember nun ein erheblicher Defekt festgestellt: bei der Vorderachse ist rechts die Halterkonstruktion der Radaufhängung durchgerostet und an zwei Stellen gebrochen. Es wurde uns aus Sicherheitsgründen von einer längeren Fahrt dringend abgeraten. Leider konnten wir bis Anfang März kein valables Ersatzfahrzeug auftreiben, um rechtzeitig die Beladung und Wiegung vorzunehmen, damit die Zollpapiere für die geplante Fahrt Mitte März vorbereitet werden konnten. So wurde die Abreise kurzfristig verschoben. 

Am Samstag 12. April war es dann endlich soweit. Nachdem Doris spontan mit einem Kuchen kurz vor Abfahrt vorbeikam, starteten Mägi und Daniel am Mittag Richtung Ukraine. Jedoch ohne das Filmteam, welches sich inzwischen aus dem Projekt Dokumentarfilm über uns zurück gezogen hat.

Dank wechselndem Fahrer kamen wir sehr zügig voran; schneller noch als die letzte Reise. Stets begleitet von unserem neuen Wachhund “Richi”. So waren trafen wir am Sonntagmorgen gegen 9.30 Uhr nach 1480km bei schönstem Wetter bereits an der ungarischen Grenze an.

Nach 2h Wartezeit auf der polnischen Seite hatten wir beim ukrainischen Zoll nur 10min gebraucht inklusive Passkontrolle und Verzollung. Nun bereits am obligaten Hot-Dog. Danach gings weiter nach L’viv wo wir unser Hotel bezogen. Als wir uns dann gegen 18 Uhr noch auf einen Stadtbummel begaben, trafen wir meinen Freund Markian mit seiner Frau Christina an. Nach einer Kaffeepause mit Dessert spazierten wir gemeinsam noch etwas durch die Altstadt.

Mit uns kam gestern auch das schöne Wetter in die Ukraine, denn am Samstag vor einer Woche schneite es noch in Lviv. 

Viele Menschen zog es deshalb gestern am Palmsonntag (ein sehr heiliger Tag hier in der Ukraine) auf die Strassen. Sie trugen schön gestickte traditionelle Kleider und sangen in spontanen Gruppe ukrainische Volkslieder. 

Doch die Idylle trügte. Denn der barbarische Angriff der Russen im Zentrum von Sumy im Nordosten der Ukraine mit 34 Toten (darunter auch mehrere Kinder) und über 100 Verletzten beschäftigt viele hier. Insbesondere, weil es einmal mehr zivile Opfer sind, mit vielen unschuldigen Kindern. Gleichzeitig behauptet Trump gegenüber den Medien noch in der Nacht auf Sonntag ” die Verhandlungen laufen gut”. Dass an einem heiligen Tag auf dem Weg zur Kirche so viele zivile Opfer in Kauf genommen wird, ist abscheulich und beschäftigte uns sehr.

Wir wünschen Euch trotz allem eine kurze und besinnliche Osterwoche. 

MO 14. 04.: Am Montag war es bereits wieder etwas bewölkt. Ideal um ein paar Sehenswürdigkeiten zu besuchen, sowie eine grössere Tour zu Fuss zu den Aussichtsgipfel von L’viv zu machen. Da wurde uns auch klar, wieso die Ortschaft LemBERG heisst; es ist sehr hüglig hier.

Am Dienstag war es sehr regnerisch und wir verbrachten viel Zeit im Hotel. Mägi ging noch Ostergeschenke auf dem Markt einkaufen.

MI 16.04.: Heute Mittag nun das Hotel in L’viv verlassen und warten in der Garage auf unser Fahrzeug. Da leider kurz nach der UA-Grenze die Gangschaltung ziemlich “hart” wurde, musste auch an der Kupplung zusätzlich etwas repariert werden. 

Um etwa 14.30 Uhr war es dann soweit: unser Baby 🚗 fährt sich wieder geschmeidig.
Nächster Halt ist nun Borodjanka in etwa 7h und 515km. Inzwischen ist es gegen 22.30 Uhr. Nach insgesamt 2’200km sind wir in gut Borodjanka eingetroffen. Wir wurden herzlich empfangen und gleich verköstigt inklusive Begrüssungsvodka.

DO 17.04.: Heute stand viel auf dem Programm, wir sind ja nicht in den Ferien hier.

Inzwischen wurde das Auto kurz gecheckt und wir waren auch auf dem Hundehof. Dort brachten wir Futter, Hundekörbe, Leinen etc. und besprachen die weitere Zusammenarbeit sowie zukünftige Projekte. Galyna’s Organisation “VARTI” muss von dort wegziehen und wird bald neues Grundstück in der Nähe an einem kleinen See beziehen. Wir werden sie unter anderem beim Bau von sechs Hundezwinger unterstützen.

Danach waren wir kurz im Zentrum von Borodjanka. Dank der Bürgermeisterin Irina geht es hier endlich vorwärts mit den Renovationen. Einige der 32 beschädigten Wohnhäuser sind fast fertig renoviert.

In unserem Zwischenlager haben wir dann Sommerkleider ausgeladen und noch Hygieneartikel eingeladen. Danach noch kurz einen Kaffee bei Anatolji im Büro getrunken bevor es weiter nach Kharkiv ging. Kurz nach 21 Uhr trafen wir nach 550km in der ehemaligen Hauptstadt ein und haben unser Zimmer bezogen. Doch bereits nach wenigen Minuten wurden wir mit Luftalarm begrüsst. So hoffen wir immerhin auf eine ruhige Nacht, denn wir sind nur 38km von der östlichen Grenze und etwa 180km von Sumy entfernt.

FR 18.04.:

Wir sind wohlauf und ausgeschlafen, wenn wir auch bereits um 05.09 Uhr durch Luftalarm und Explosionen geweckt wurden. Beim Angriff heute Morgen mit ballistischen Raketen und Streumunition in einem Wohnviertel in Kharkiv wurde eine Person getötet und über 53 verletzt. Bis auf einen weiteren Luftalarm kurz vor 8 Uhr war es dann wieder ruhig.

Gegen 9.45 Uhr traffen wir Dmitri im Zentrum. Nachdem wir heute Morgen noch 80 Tuben Zahnpasta dazugekauft hatten, haben wir dann zu Dritt 100 Hygienepakete für Familien vorbereitet. Wir gönnten uns lediglich eine kurze Pause und haben dabei Doris’ Zitronenkuchen genossen.

Während wir in Kharkiv, nach dem kurzen Wintereinbruch letzte Woche mit Schnee, nun sommerliche 23° haben, hagelt es in Yaremche im Oblast Iwano-Frankiwsk.

Beim Wohnhaus, welches heute früh hier in Kharkiv mit einer Iskander Rakete getroffen wurde, sind immer noch Bergungsarbeiten im Gange. Die Totesopfer sind mit einer Person noch gleich. Aber bislang sind es nun über 100 Verletzte. Durch die Detonationen der ballistischen Raketen wurden auch 32 andere Häuser rund herum beschädigt sowie eine Fabrik. Diese liegt in der Nähe von Dmitris Lager, wo wir heute waren.

Am Nachmittag waren wir noch etwas in der Stadt spazieren. Die sommerliche Idylle trügte jedoch, denn alle 10-20min gab es Luftalarm. Doch dies ist bei schönem Wetter normal (“Drohnen-Wetter”).

Karsamstag 19.04.: Der heutige Tag war sehr anstrengend; physisch wie auch emotional.
Wir sind rund 150km in zwei Dörfer gefahren, haben dort alle Sachspenden plus 100 Hygienepakete verteilt. Danach ging es wieder 150km (2,5h pro Weg) zurück nach Kharkiv. 

Die Strassen waren ausserhalb von Izjum sehr schlecht und anstrengend zum Fahren. Aber auch gefährlich. Im Dorf Kam’janka lebten vor dem Krieg 1200 Personen. Heute sind es noch deren 84. Das Gebiet war im Sommer bis Herbst 2022 sechs Monate unter Besatzung. Etwa 95% der Häuser sind zerstört oder stark beschädigt. Zeitweise wohnten die Angreifer in den Häusern und hinterliessen Symbole und Schriftzeichen. Krass sind auch die ständigen Gegensätze von Zerstörung und dazwischen blüht der Frühling.

Der Empfang durch die Bevölkerung dort war sehr herzlich und die Dankbarkeit der Menschen für all unsere Sachspenden war riesig und berührend. Einmal mehr zeigt sich, dass notwendige Hilfe noch nicht überall ankommt und weiterhin sehr wichtig ist.

Auf dem Rückweg waren wir noch kurz im Zentrum von Izjum. Dort hatten wir die örtliche Feuerwehr im Oktober 2023 nach dem Angriff auf ihre Feuerwache mit Hilfsmittel und Schutzbekleidung unterstützt. Viele Gebäude sind nach wie vor nicht repariert. Das eine Gebäude erlangte eine traurige Berühmtheit, weil beim Zusammensturz nach mehreren Raketen 19 Personen im Schutzkeller verschüttet wurden.

Unterwegs nach Kharkiv hatten wir viele Gedanken im Kopf. Das Erlebte beschäftigte uns sehr. Zumal im zweiten Dorf weder Trinkwasser, noch Internet und Handyempfang vorhanden ist. Somit haben die Kinder bei all den anderen Schwierigkeiten auch seit drei Jahren kaum Schulunterricht, weil sie online nicht teilnehmen können.

Wir müssen die Eindrücke von heute erst mal verdauen und sind inzwischen zurück im Hotel, wo wir unser Picknick und ein Bier genießen.

SO 20.04.: Wir wünschen Allen und ihren Angehörigen frohe Ostern. Wir denken dabei auch an die Vertriebenen und Gefallenen.

Nachdem uns gestern Nachmittag der Besuch im Dorf Synychyne (südlich von Izjum) so berührt hat, waren wir gestern Abend in Kharkiv spontan nochmals einkaufen. Denn gestern erzählten uns die Familien im Dorf, dass sie zum Einkaufen über 25km nach Izjum fahren müssen. Zudem gibt es im Dorf kein Trinkwasser und in Izjum nur beschränkt.

So haben wir spontan für die 36 Personen 520lt Wasser, 36lt Öl plus je 1kg Reis, Mais und Zucker gekauft sowie  Toilettenpapier, welches hier erstaunlich teuer ist. Ebenso auch etwas Süsses zu Ostern. Am Mittag waren wir dann wieder zurück in diesem Dorf und haben alle mit diesen Spenden überrascht. Sie hatten nicht damit gerechnet uns so schnell wieder zu sehen. Teilweise kämpften sie gegen Tränen und umarmten uns. Dies war emotional sehr berührend. Auf dem Rückweg brachten wir noch im Nachbardorf ein Ostergeschenk vorbei und wurden von der Familie spontan zum Osteressen mit der Verwandtschaft eingeladen.

Unterwegs haben wir am Stadtrand von Izjum noch ein paar Erinnerungsfotos und Videos mit Sicht über die Landschaft gemacht. Zurück in Kharkiv haben wir noch ein paar Habseligkeiten von uns abgeholt und uns von Dmitri verabschiedet. Nun sind wir bereits wieder auf dem Rückweg Richtung Kyiv. Nach 490km sind wir nun ausserhalb von Poltawa im Hotel angelangt. Dabei konntenvwir auch noch einen schönen Sonnenuntergang beobachten. Heute war mit 25° sehr warm und daher sehr ermüdend. Erschöpft gingen wir schlafen.

MO 21.04.: Nach der strengen Woche hatten wir heute Mal ausgeschlafen und sind nach dem Frühstück gegen 11 Uhr Richtung Kyiv weitergefahren. 

Unterwegs haben wir in Velyka Krucha noch einen Besuch im Souvenir-Shop gemacht, wo es viele ukrainische Handarbeiten zu sehen gab. Mägi konnte da natürlich nicht widerstehen. Am frühen Abend sind wir wieder in Borodjanka eingetroffen.

MI 23.04.: Die Nacht war, ausser ein paar Mal Luftalarm und eine stärkere Detonation, hier in Kiev eher ruhig, im Vergleich was sonst an Angriffen in Kharkiv, Dnipropezrovsk, Saporischjia etc. geflogen wurden.

Da morgen bereits wieder die Abreise angesagt ist, müssen wir diese Tage noch ein paar Dinge erledigen. Gestern war Einkaufen in Borodjanka, kurzes Wäsche waschen etc. angesagt. Ich bin am Abend nach Kiev gefahren, wo ich heute noch administrative und juristische Abklärungen erledigen musste. Zudem sollte heute Nachmittag auch unser Rückspiegel (fehlt seit Ersatz der Frontscheibe) wieder montiert werden.

Gleichzeitig plagt mich die Pollen-Allergie, denn es ist seit drei Tagen sehr heiss (vor zwei Jahren war hier noch Schnee) und windig.

DI 24.04.: Es ist 01:20 Uhr. Seit 00:58 Uhr steht Kiev unter massivem Beschuss. Nebst ballistischen Raketen sind wohl auch Drohnen im Einsatz. Betroffen waren die vier Bezirke Holosiivskyi, Solomianskyi, Sviatoshynskyi und Shevchenkivskyi. Ersteres knapp 6km von mir entfernt, Letzteres etwas westlich von Kyiv. Die Angriffe waren so heftig, dass ich mich zum ersten Mal in drei Jahren komplett anzog inklusive Schuhe, Pass & Geld einsteckte, Laptoptasche mit Bürounterlagen bereit legte: “ready for run”. DOch als ich vom 27. Stock nach unten schaute, überlegte ich mich, wohin ich den in diesem engen Quartier rennen sollte. Und wo ist überhaupt der nächste Schutzraum. Es gab wohl keinen für diese Appartements. Kurioserweise dachte ich dann kurz, im Falle eines Einsturzes bin ich zuoberst wohl am sichersten.

Gegen 3.30 Uhr legte ich mich wieder schlafen und wachte ein paar Stunden später auf. Ein Blick in die News zeigte, leider wurden bei den Angriffen auf Kiew heute Nacht bislang neun Menschen getötet und 63 verletzt. Darunter sechs Kinder und eine schwangere Frau. Dabei wurden Wohngebäude beschädigt. Die Suche nach Menschen unter den Trümmern dauerte noch an.

Am Mittag fuhr ich zurück nach Borodjanka, wo ich Mägi traf. Nach einem Besuch bei der Bürgermeisterin von Borodjanka, fuhren wir zu unserem Zwischenlager. Dort luden wir alles Feuerwehrmaterial ein. Mit KM-Stand 335 315 sind wir dann Richtung Poninka / Rayon Chmelnyzky gestartet.

Am Abend kamen wir etwas durchgeschüttelt ob der „instabilen“ Strasse, gut im ländlich gelegen Poninka an. Oleg, ein Kollege von Vadym, erwartete uns bereits. Nach dem gemeinsamen Abendessen durften wir in der Wohnung von Vadym’s Grossmutter übernachten.

25.04.: Heute Morgen war früh Tagwach angesagt, denn Dani musste zum Zahnarzt. Danach war ein weiteres Interview auf Radio 1 eingeplant. Um 11.15 Uhr starteten wir die Weiterfahrt nach Chmelnyzky zur Feuerwehr. Kurz nach 14 Uhr durften wir in Chmelnyzkyyj die vielen Sachspenden von Feuerwehren aus der Schweiz abliefern.

Nachdem wir monatelang von dieversen ukrainischen DSNS-Organisationen, dem staatlichen Katastrophenschutz, quasi hingehalten und verarscht wurden, übergaben wir heute alles einer Freiwillen Feuerwehr in Chmelnyzkyyj. Ein herzliches Dankeschön an alle Feuerwehren in der Schweiz, die uns zuvor mit diesen teilweise noch ungebrauchten und wichtigen Sachspenden versorgt haben.

Um 16 Uhr fuhren wir über L’viv Richtung Grenze, wo wir um 21.30 Uhr etwa 1km vorher das Stauende antrafen.

26.04.25: Nachdem wir für 950m gut 3.25 Stunden in der Staukolonne brauchten, dauerte der ukrainische Zoll auch noch 2.5 Stunden (auf Nachfrage angeblich wegen dem polnischen Zoll). Um 03.30 Uhr konnten wir dann endlich das Niemandsland vor der polnischen Grenze befahren. Von hier dauerte es nochmals 0.5h am polnischen Zoll, welche alle sehr freundlich waren. Hier war nichts von einem Stau spürbar.

Um 4Uhr ukrainische bzw. 3 Uhr polnische Zeit waren wir dann nach total 6,5h Wartezeiten und Zoll endlich wieder in der EU.

Um 11 Uhr schrieben wir in den Chat: “Wir kommen gut voran, dank wechselndem Fahrer und haben auch das schöne Wetter aus der Ukraine im Schlepptau . Grüsse aus CZ nahe Prag.” ☀😇🤟

Kurz nach 19 Uhr waren wir nach ein paar Kaffee- und Pinkelpausen am Zoll in Thayngen. Zwei Stunden später dann unsere Meldung:

Nach rund 33h, seit Abfahrt gestern Morgen in Poninka, sind wir heute Abend um 20.15 Uhr nach total 6’329 gefahrenen Kilometern gut in Kloten eingetroffen. Auch unsere dekorative “Munitionskiste” und die anderen Geschenke haben die Reise gut überstanden. 💪🏠🇨🇭